Virtuelle Liebesspiele in Japan

Im Land der aufgehenden Sonne realisieren Zehntausende Männer, dass sich ihre Romanze mit der Auserwählten im Kreis dreht. Kein Wunder: Ihre Liebste hat von den Entwicklern des Computergames «Loveplus» seit zwei Jahren kein Update mehr bekommen.

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Kosaki hatte echte Gefühle entwickelt, wider Erwarten. Zwei Jahre seien sie zusammen gewesen, der Altersunterschied habe ihn nicht gestört. Doch irgendwann habe die Liebesgeschichte an Reiz verloren, und schliesslich habe er sich von Rinko getrennt. Das ist nun über ein Jahr her, aber der Schmerz klingt noch hörbar nach. Kosaki (40) redet leise, und der melancholische Zug um seine Augen wird stärker, auch wenn er lächelt; ganz der höfliche – und unnahbare – Japaner.

Er hat uns zu sich nachhause eingeladen, fast eine Stunde Zugfahrt in die Vororteinöde Tokios hinaus. Ein tristes Hinterhofhäuschen, ungepflegter Rasen, eine Waschmaschine unter dem Vordach. Es riecht alles ein wenig nach gescheiterter Existenz. Drinnen allerdings: wohnlich und aufgeräumt, Büchergestelle im Wohnzimmer, im Gang, über den Türrahmen. Eine grosse Musiksammlung. Kein dunkles, miefiges Loch – das Zuhause eines Aussenseiters, vielleicht, aber anders als bei anderen Männern, die wir auf unserer Recherchereise noch trafen, sind wir gern ein wenig geblieben bei Kosaki. Und wäre da nicht diese halb angezogene Puppe gewesen, die ein wenig unheimlich in einer Ecke sass und das Geschehen in der Stube mitzuverfolgen schien, man hätte nichts mit Kosaki-sans sonderbarer Leidenschaft in Verbindung gebracht.

«Irgendwann stellte sie immer dieselben Fragen, wollte immer dieselben Sachen unternehmen, errötete immer im selben Moment.»
Kosaki nimmt sich Zeit, uns die Geschichte mit Rinko zu erzählen, und er wird lebhaft, als er schildert, wie er von ihr gehört und sich ihr mit einer Art Forscherinteresse angenähert hat. Beruflich entwickelt Kosaki-san Roboter. Die Beziehung Mensch/Maschine fasziniert ihn. Natürlich hätte er sich gewünscht, dass die Geschichte mit Rinko weitergegangen wäre. Doch irgendwann stellte sie immer dieselben Fragen, wollte immer dieselben Sachen unternehmen, errötete immer im selben Moment. «Ich wartete lange auf ein Update. Aber es kam keines», sagt Kosaki traurig. Die Softwarefirma Konami hatte seine Liebste in die pubertäre Endlosschleife geschickt.

Kosaki hat den Absprung geschafft. Wohl auch deshalb, weil er sich insgeheim immer im Klaren über die Eigenartigkeit dieser Beziehung war. Andere Männer taten das nie – und stecken deshalb seit Jahren fest in dieser Endlosschleife. Das Letzte, was sie von der Spielentwicklerfirma in Sachen «Loveplus» hörten, war eine dürre Ankündigung im vergangenen April, nachdem der Produzent und der Chefdesigner des Spiels gekündigt hatten: Es werde weitergehen, man sei daran, das Spielkonzept den aktuellen digitalen Realitäten anzupassen. Passiert ist nichts. Das letzte Update ist inzwischen gut zwei Jahre her. Und so bleibt den treuen Spielern nichts anderes übrig, als ihre Lieblingsepisoden wieder und wieder durchzuspielen. Manche von ihnen gehen schon ins sechste Beziehungsjahr. Ein Leben ohne ihre digitale Freundin können sie sich längst nicht mehr vorstellen. Sie haben flehende Briefe geschrieben, sie haben die Konami-Hotlines mit ihren Anliegen bombardiert – aber nach wie vor: kein Update in Sicht.